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Olivia Kühni

Journalistin.

Reportagen.

Ich ziehe die Gummistiefel an und den Anorak über, gehe hinaus aufs Feld und sammle Gräser. Kann sie kaum mehr tragen, und am Schluss fehlt doch das eine, blaue, im dichten Strauss.

Olivia Kühni :: Mär.08.2010 :: Notizen :: 222 Comments »

Yucatán.

Bereits wenige Stunden, nachdem ich meinen Fuss auf die Erde Yucatáns gesetzt hatte, befiel mich ein seltsames Gefühl. Es war mir, als ob ich getrunken hätte. Was meine Augen sahen, konnte mein Gehirn nicht richtig fassen, ich wusste nicht ganz, was sich gehörte, war ein wenig albern und vermutlich auch aufreizend. Erst nach vielen Tagen sollte ich herausfinden, warum. Aber dazu später.

 

Strasse

 

Die Stadt

Jeder in dieser Stadt voller Gassen ist ein Kleinunternehmer. Es steht an der Hauptstrasse ein Schuhladen neben dem Café und das Café neben dem Kleidergeschäft, dazwischen eine Apotheke. Mexikaner hängen an ihren Medizinläden, sie kaufen dort bunte Vitaminsäfte und Potenzpillen, Kräuter, Pflaster und Aspirin. Jetzt, zu dieser heissen Stunde, sind die breiten Gehsteige leer. Es stinkt nach Urin. Nicht deutlich, wie in einer Berliner U-Bahnstation, sondern erdig - so, als ob einer Leder gerbte.

 

Schreibmaschine

 

In den schattigen Seitengassen kommen mir dicke Mädchen entgegen, auffallend viele junge dunkle Frauen. Sie haben breite Nacken und eine flache Stirn. Sie sind nicht hübsch, aber anziehend mit ihrem Lachen, den engen T-Shirts und den neugierigen Blicken. Kinder laufen vorbei, sie halten sich in Kniesocken und weissen Blusen an den Händen. Unter einem einsamen Baum sitzen sieben Männer und warten schweigend und trinkend auf das Fleisch, das neben ihnen auf dem Grill brät.

Den Dorfplatz säumen Flamboyant-Bäume, Delonix regia, von deren Ästen die holzigen schmalen Früchte hängen wie Instrumente. Tatsächlichen bauen die Kariben aus ihren Samen die Maracas, bunte Rasseln.

Ich verbringe die restlichen heissen Stunden unter weissen Leinentüchern in meinem dunklen Zimmer.

 

Flamboyant

 

Früh färbt sich der Himmel gelb, und die Nacht bricht so rasch an wie in der Heimat ein Sommergewitter aufzieht. Plötzlich füllt sich die Stille mit Musik und der Dorfplatz mit Menschen. Ein Sänger auf der Bühne lobt laut den Señor. Die Menschen singen und klatschen, als ob es nicht gerade dieser Gott gewesen wäre, der ihnen einst mit Gewalt aufgezwungen wurde.

 

Abend

 

Vor dem Busbahnhof winkt ein kleines altes Weibchen die Autos rein und raus mithilfe eines roten Tuches und ihres strengen Gesichts. Daneben springen die Taxifahrer auf und bieten mit klebriger Stimme ihre Dienste an. Ich trete in die eiskalte Wartehalle. Gegen den Kauf eines süssen Kaffees erhalte ich den Tipp, welcher Bus ans Meer fährt.

 

Das Meer

Als die Sonne aufgeht, hält das Meer den Atem an. Für einen verschwindenden Moment ist alles Licht. Dann rollen die Wellen und streuen es an den Strand. Weit draussen in der Karibik regnet es, ein grauer Pinselstrich zieht sich hinunter zur See, darüber in den Wolken hängt ein breites Grinsen. Schliesslich trifft es auch mich, und ich lasse die Tropfen vom Palmblatt über mir auf mein Heft fallen.

 

Meer

 

Vom Geld

Am Rande des Waldes von Cobá, wenige hundert Meter von den tausendjährigen Pyramiden entfernt, machen zwei junge dicke Indios ein gutes Geschäft. Ein Steg steht dort, der auf einen See hinaus führt, und in diesem See lauern Krokodile. Die beiden Indios besetzen den Steg, und jedem Touristen, der hinaus will, entlocken sie zehn Pesos. Es kommen, in zehn Minuten, sechs Neugierige. Sechzig Pesos, das ist ziemlich genau der durchschnittliche mexikanische Stundenlohn.

Ein landestypisches Geschäftsmodell, das die beiden Halbwüchsigen leben. Jeder dritte Mexikaner ist selbständig erwerbend. Und viele von ihne verkaufen ihre Dienste an Fremde - der Tourismus ist neben der Energiewirtschaft die mit Abstand am stärksten wachsende Branche. 28 Prozent mehr nehmen die Souvenirhändler, die Mariachi, Fremdenführer, Putzfrauen und Tauchlehrer jährlich ein. Also ziehen jene, die Arbeit suchen, an die Küsten der drei Meere oder in den Windschatten der Maya-Bauten: Nach Acapulco und Cancún, nach Chichen Itzá, Playa del Carmen und Tulum.

 

Cobá

 

Der Mann, der mir die Angst vor Haien nimmt, ist das jüngste von neun Kindern. Er wohnt bei seinem Bruder, dem fünften der neun, und bringt mit einem Boot Fremde zum Korallenriff in der Karibischen See. Seine Mutter, die so viele Söhne gebar, lebt nun alleine in einer Hütte. In der Mitte des Landes, viele Kilometer vom Meer entfernt.

 

Wo der Himmel geboren wird

Die Mangroven sind Krieger. In dem salzigen Brackwasser hinter der Küste lassen sie kleine feste Stäbchen ins Wasser fallen, wie dicke Bleistifte sehen sie aus. Die Stifte sinken zu Boden, richten sich auf, und langsam, in Jahrhunderten, wächst aus einem nach dem andern von ihnen ein dichter, sumpfiger Mangrovenwald.

 

Mangrovenwald

 

Die zähen Bäumchen besänftigen die Tropenstürme, die vom Meer her über sie hinweg stürmen. Sie lassen ihre Blätter fallen, die sich im Wasser Schicht für Schicht zu Torf türmen und tausenden winzigen Wesen Nahrung geben. Zwischen ihren Wurzeln schwimmen und laichen die Fische, in den Armen der Lagune jagen Krokodile. Auch Manati hat einst hier gelebt, die weisse Seekuh, die anmutet wie ein Fabelwesen. Reiher fliegen über die Felder hinweg, Ibisse, Geier. Das Korallenriff draussen im Meer lebt von dem, was die Lagune schafft. “Sian Ka’an” nannten die Maya diesen Ort: “Wo der Himmel geboren wird”. Den Anfang des Lebens.

 

Sian Ka’an

 

Die Maya

An einem brütend heissen Tag sitze ich auf einer geweisselten Treppe und schaue dem Treiben auf der Strasse zu. Eine alte, dunkle, winzige Frau kommt auf mich zu, an ihren Seiten trägt sie grosse gemusterte Taschen aus stabilem kariertem Kunststoff. Sie trägt eine weisse Robe, an den Rändern bestickt mit Blumen. Einen Huilip, das Kleid der Maya. Sie schiebt sich vor mein Gesicht, unsere Augen sind auf gleicher Höhe, und grinst mich an. Ihre Vorderzähne sind, wie es ältere Maya mögen, mit Gold umrahmt. Die Frau öffnet ihre Tasche, preist kurz Chilischoten, Gebäck und Kerne an, doch ich fühle, dass ihr Interesse woanders liegt. Tatsächlich untersucht sie schliesslich lange die feine silberne Kette, die ich am Fussgelenk trage.”Das ist schön”, sagt sie nur.

Man weiss inzwischen, dass die Augen der Ausländer leuchten, wenn sie das Wort Maya hören. Man weiss es in Yucatán, und deshalb gibt es hier Schokolade, Kalender, Schmuck und Musik nach Art der Maya zu kaufen. Junge Amerikaner können sich für 1000 Dollar in einer Maya-Zeremonie trauen lassen. Man weiss es auch in Hollywood, und deshalb kommt bald ein Film in die Kinos, der unter dem Namen 2012 von dem angeblich von den Mayas prophezeiten Ende der Welt erzählt.

 

Kerne

 

Doch hinter dem Kitsch, zwischen den Souvenirläden, leben sie tatsächlich, die Maya. Sie unterhalten sich leise in ihrer purzelnden Sprache voller Konsonanten. Die Alten trocknen Chilischoten und Kerne für die Fremden, die Jungen studieren Sprache und Kultur der Maya an den Hochschulen. Die Familien erzählen sich ihre alten Geschichten. Und tatsächlich, nicht wenige von ihnen gehen abends leise zu der heiligen Stätte neben der Frischwasserhöhle, dem Cenote, um ihre Gaben darzubringen. Fast fünfhundert Jahre, nachdem die Spanier sie mit dem Schwert zum Kreuz zwangen.

 

Das Licht

Nach diesen vielen Stunden, mitten am Tage, wusste ich plötzlich, was mich trunken machte. Das Licht war es, diese schwülstige, fiebrige Sonne. Sie blendete mich, sie verwirrte mich, so dass die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie verschwommen wie in einem Gemälde von Kahlo oder in einem Roman von Márquez, wo weinende Tote am Fenster vorbeigehen wie gewöhnliche Krämer. Es konnte einem schwindeln ob all dieser riesigen Blumen, welche die satte Sonne nährte, ihren schweren Düften. Ja, man konnte wohl wahrhaft wahnsinnig werden hier.

 

Licht

Olivia Kühni :: Dez.31.2009 :: Notizen :: 202 Comments »

Ohnemacht.

Ich ahne so vieles von der Welt und weiss so weniges. Was für ein ohnmächtiges Gefühl!

Olivia Kühni :: Okt.25.2009 :: Notizen :: 179 Comments »

Das Land.

Ich sass in der Bahn, die mitten in der Strasse Dorf für Dorf das Tal entlang fährt. Die wenigen Menschen im Abteil, mit Rucksäcken zugestiegen beim Campingplatz am See, sagten in runder Sprache nichts und immer wieder “Jaja” und “Soso”. Es waren alte Menschen. Eine von ihnen hatte ein Gesicht, das zweckmässig war, scharfe Augen, schmale Lippen. In den zwanzig Minuten, bis die Bahn in der Kleinstadt hielt, urteilte sie hart über die Welt.

“Da bauen sie schon wieder. Ist einfach verrückt. Alles, was noch ein bisschen grün ist wird zugebaut. Dabei gäbe es so viele schöne alte Häuser hier! Aber die will ja keiner. Gibt halt mehr zu tun, so ein altes Haus herzurichten, als sich ein neues zu bauen. Das will ja keiner mehr machen heute.”

“Jetzt stehen sie sicher wieder im Stau beim Gotthard unten. Bei dem Wetter. Sind ja aber auch selber schuld, was müssen die mit dem Auto da runter. Kann man doch wunderbar mit der Bahn gehen! Müssen sie halt nicht immer so viel packen. Muss halt Jedes seine Sachen selber tragen. Ich habe das immer so gemacht mit meinen: Jedes packt so viel, wie es tragen kann, mehr gibts nicht. He ja, so lernen sies.”

“Das ist wie mit dem Wandern. Ich hatte früher immer eine Flasche Most dabei und vier Gläser, fertig Schluss, mehr gabs nicht. So war das. Heute muss ja Jedes seine eigene Flasche mit rumschleppen, einen ganzen Liter am Besten.  In der Schule können sie ja am Wasserhahn trinken. Es muss doch nicht immer gesürpfelt sein, darum gehts doch.”

“Jetzt kommt der Kondukteur. Ich habe noch nie erlebt, das sie einen erwischt haben hier. Aber bei uns im Bus, da schon ab und zu. Die Jungen, die sind das ja meistens. Aber ein Alter, den haben sie auch immer erwischt, der hat halt immer das Abo vergessen. Musste aber immer die Busse bezahlen dann. Das muss ja auch nicht sein.”

“Schau, da unten, die Vollzugsanstalt. Die hintere Konserve, he ja, so heisst das. Da werden die bewirtet, bekommen zu Essen, fernsehen und alles. Die Rumänen, die werden bewirtet. Ich würde das halt auch nicht machen, ich würde die alle rauswerfen, sofort. Das geht doch nicht, dass die hierher kommen, und dann werden sie da drin bewirtet. Und wir bezahlen das. Das geht doch nicht.”

Ich stieg aus. Die sattgrünen, weiten Hügel, die spätsommerliche Sonne, das Glitzern über dem See, alles war ein wenig enger geworden. Ich sah graubraune Mehrfamilienhäuser vor meinem inneren Auge, Teppich, Geranien, Holztische, den Fernseher mit der Tagesschau, Rasen mit Mäuerchen drumherum, korrekte Grüsse, zuvorkommend, Mütter mit drei Kindern beim Einkaufen, mitten am Tag, zweckmässige Kleider, praktische Kurzhaarfrisuren, Sandalen, kleine Hunde, braune Gartenhäge, Asphaltplätze mit Welldachgebäuden, darauf Schriftzüge von Gewerblern, Garagen, Strasse, Wiese, Acker, Zebrastreifen, alte Männer neben alten Frauen, wieder korrekte Grüsse, wieder Mehrfamilienhäuser mit orangen Sonnenstoren.

Mir wurde schlecht. Und ich träumte davon, alle diese Häuschen, diese Quartiere abzureissen und grosse, klare weite Räume zu schaffen, die ganze Schweiz in einem diktatorischen Projekt zu befreien. Häuser mit riesigen Fensterfronten zu bauen, die auf Alleen mit Bäumen oder auf Pärke blickten, Cafés und allerlei Läden dazwischen, und diese Lebensräume allesamt in Kreisen um eine der grossen Städte gereiht. Und zwischen den runden Stadtgebilden wäre nichts als Luft, Licht, Raum für die Seen, Wälder und Hügel.

Olivia Kühni :: Sep.09.2009 :: Notizen :: 199 Comments »

Das muss einfach mal gesagt sein.

Es gibt zwei Gründe, wieso man sich über das Verhalten eines Menschen, über sein Inneres, sein Wesen, sein Denken äussert:

1. Es muss sein, für die eigene Psychohygiene. Weil man genug hat, sich selber besser fühlen will, sein Wissen beweisen will, sich Respekt verschaffen will. Anders ausgedrückt: Es muss einfach mal gesagt sein.

2. Man ist überzeugt davon, mit seiner Äusserung einen konstruktiven Beitrag zu leisten. Das ist dann, und nur dann der Fall, wenn der Andere nach der Meinung gefragt hat - und vor allem auch: an ihr wachsen kann und will.

Was nervt: Wenn Menschen den häufigen Fall Eins a) als Fall Zwei verkaufen, oder b) als reine Gedankenlosigkeit, die das Gegenüber missverstanden haben soll. Umgangssprachlich wird das gerne in die Form a) “ich habe es doch nur gut gemeint”  oder b) “ich habe es doch nicht so gemeint” verpackt.

Beides missbraucht Vertrauen, weil es gelogen ist. Es stimmt nie, dass Menschen Worte einfach so sagen - sie sind ja nicht minderbemittelt - und nur selten, dass das Gegenüber Wohlwollen missversteht. Also: Mut zur Ehrlichkeit. Ich gehe mit gutem Beispiel voran: Das hier ist ein klarer Fall Eins.

Olivia Kühni :: Jun.30.2009 :: Notizen :: 206 Comments »

Tehran, 15. Juni 2009.

Tehran, 15/06/09

Olivia Kühni :: Jun.15.2009 :: Notizen :: 245 Comments »

Der Verstand.

“Der Verstand ist nicht die Regierung des Menschen. Mehr so der Regierungssprecher. Wie in der Politik erfährt der Regierungssprecher als Letzter, was beschlossen wurde, muss es aber nach aussen hin rechtfertigen.” Eckart von Hirschhausen.

Olivia Kühni :: Jun.11.2009 :: Notizen :: 197 Comments »

Türkiye.

“Das ist Politik, weisst du”, sagt der Mann leise in mein Ohr. “Diplomatie, ich erkläre es dir später.” Das Wahre, die Sorgen, die Ängste - sie gehören überall auf der Welt nicht auf die Strasse. Nicht ins Büro und nicht in die Bar, vor allem dann, wenn man den Barnachbarn kennt.

Manche Menschen an manchen Orten schweigen darum lange Zeit höflich über den Kern der Dinge. Andere hüllen sich nicht in Stille, sondern in viele bunte Worte, in Geplauder, Schmeicheleien, die wie Vorhänge die Sicht auf das Wesentliche verbergen. Es ist ein diskretes Spiel, ein Tanz. Es ist unhöflich, nicht mitzuspielen, und es ist plump, den Tüchertanz mit ernsten Worten zu verwechseln. Dumm ist es, hinter den schillernden Worten grundsätzlich fehlende Tiefe zu vermuten. Überall auf der Welt ist es dasselbe: Manche Wasser sind klar und tief, andere bloss Sumpf. Das habe ich verstanden. Manches andere noch nicht.

 

Strasse

 

Ich sitze im Bus, an den Fenstern vorbei ziehen die grellen Hotels von Antalya, und vor mir liegen 2300 Kilometer quer durch die Westtürkei. Ich schäme mich ein bisschen, für mich und für die anderen. Viele haben einfach Haare statt einer Frisur, manche zweifarbige, und einer trägt tatsächlich Jeansshorts mit Birkenstock-Sandalen. Ich bin die einzige Nicht-Deutsche im Bus, abgesehen von zwei Österreicherinnen, und die meisten haben ihre Reise bei Neckermann gebucht. Ich blicke aus dem Fenster, vor dem jetzt weit draussen winzige Figuren mit Kopftüchern Tabakpflanzen zupfen, und entscheide mich, diese Tage als einzigartige Feldstudie in fremden Gefilden zu betrachten. Eine solche Studie tut jedem gut, der schreiben will, und ich freue mich. Der Reiseleiter hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert, spricht sorgfältiges Deutsch und hat nachdenkliche Augen. Die erste Stunde erzählt er nur Dinge über sein Land, die ich noch nie gehört habe. Ich staune und vermute, dass auch er ein grosser Freund von Feldstudien ist.

Wenige Minuten später erreicht uns die Nachricht, dass im Osten des Landes sechs Männer an einer Hochzeit fast 50 Menschen umgebracht haben, darunter drei schwangere Frauen. Die Menschen in den Cafés und an den Tankstellen sprechen darüber und rätseln. War es die PKK? Oder war es eine Blutrache? “Nimm die Karte meines Landes und ziehe mitten durch eine Grenzlinie”, wird viele Tage später jemand zu mir sagen.

“Wie die fünf Finger einer Hand, so hat Allah alle Menschen verschieden geschaffen”, sagt der Mann. Manche Menschen sind fromm, manche leichtsinnig. Die einen lieben nur einmal, andere ganz oft. Türkischen Frauen, seit sie klein sind, wird beigebracht, sich auf ihre Reize zu verlassen. Mit Männern zu schlafen, um eine Arbeit zu finden, mit ihrem Mann zu schlafen, um Goldringe zu bekommen. Sind sie wirklich so, die Frauen? “Nicht alle. Aber manche gehen ganz nackt unter ihrem Schleier, der nur die Augen freilässt.”

 

Mohn

 

Wir haben Ephesos, Pergamon und Troia besucht, von denen ich bisher angenommen hatte, dass sie in Griechenland liegen. Zuoberst auf Hügeln stehen die Ruinen, und zwischen den verwitterten Steinen wachsen feuerrote Mohnpflanzen. Ich fotografiere die Agora von Ephesos, auf der vor 3000 Jahren meine Helden standen, die Händler, und den Reisenden in dieser wichtigsten Stadt Kleinasiens ihre Waren anboten. In die überwachsenen Bodenplatten ist ein Stein eingelassen. Darauf eingeritzt ein Herz, ein Frauengesicht und ein Fuss, der die Richtung weist. Auch die antiken Händler fühlten sich manchmal einsam.

Im Bus sitze ich bei meinen neuen Freunden aus Berlin und bei einem Buchrestaurator aus Frankfurt. Sie unterhalten sich über die DDR, Karl Marx und die Wirtschaftsgeschichte Deutschlands. Ich schweige und nehme mir wieder einmal vor, ein paar Bücher mehr zu lesen.

An einer Tankstelle auf dem Weg nach Canakkale stehen wir in der Sonne und rauchen. Ich trage enge Hosen und darüber ein gemustertes Kleid. Der Reiseleiter lacht und sagt, ich sähe aus wie eine Türkin in den 1970-ern. Ist es angemessen? frage ich. “Viel zu altmodisch”, sagt er. Ich schlinge mir noch den Schal um die Haare. Der Busfahrer ruft mir zwei Worte zu und kichert wie wild. “Er sagt ab aufs Baumwollfeld”, übersetzt der Reiseleiter. Auch er lacht laut.

Auf dem Boot von Asien nach Europa stehe ich mit dem Mann im Wind und schaue hinaus aufs Wasser, in dem die Quallen und die Delphine schwimmen. Ein Alter stellt sich daneben und lacht uns zahnlos an. Reist sie mit dir? fragt er den Mann. Woher kommt sie? Wohin fährt ihr? Dann führt er die Hand zum Herz, als er den Namen seines Heimatdorfes nennt, und verbeugt sich. Erst als er das Gesicht gegen die Sonne dreht, sehe ich, dass seine Augen blind sind.

 

Boot

 

In Istanbul sind Schulklassen unterwegs, 30, 40 quirlige dunkle Menschlein, die verträumt in die Baumwipfel schauen und sich den Kaugummi um die Finger wickeln. Hello, hello, üben sie, strecken mir ihre Hände entgegen und hüpfen alle gleichzeitig auf und ab. In der Hagia Sophia absorbieren die dicklichen, kurzhosigen, rotgesichtigen Besucher allen Glanz und lassen die hohen Kuppeln stumpf erscheinen.

Im Ausgehviertel Taksim sind die Männer schön und grossgewachsen, die Frauen schlank und stark geschminkt. Im Basar begegne ich Gestalten, ganz in schwarz gehüllt, nur die grauen Steppenaugen blicken mir kühl und stolz ins Gesicht. “Fundamentalisten”, knurrt der Reiseleiter, wenn er einen jener bärtigen Männer sieht, denen diese Frauen gehören.

Die Landschaft weitet sich wieder staubig nach Istanbul. Draussen sind an den blassen Steinwänden noch die Risse jenes Erdbebens zu sehen, das vor zehn Jahren 35′000 Menschen das Leben kostete. Jetzt sind die Häuser verlassen. Geisterstädte.

“Komm, wir gehen”, sagt der Mann und berührt mich sanft an der Schulter. Der Boden der Moschee ist mit Teppichen belegt, jeder gerade so gross, dass ein bescheiden knieender Mann darauf Platz findet. Ein Alter neigt sich vor zwei Säulen, die Handflächen zum Himmel gedreht. Es gibt keinen Vermittler zwischen ihm und Allah. Er kniet alleine, er ruft alleine, und wenn er stirbt, steht er einsam vor dem Erzengel Gabriel und muss Rechenschaft ablegen über sein Leben. Er findet Hilfe in den Gottesbüchern. Es ist haram, Sünde, ungewaschen vor Allah zu treten, unrein mit einer Frau zu schlafen, mit Schulden zu sterben, ohne Not Schweinefleisch zu essen. Doch Allah ist gross, verzeiht barmherzig - keinem Menschen steht es zu, über Gut und Böse zu befinden. Wie eine Staatsverfassung seien die Regeln des Koran, sagt der Mann. Vor Jahrhunderten gewachsen, um Gemeinschaft zu leben. Sie sind nicht wörtlich zu nehmen, aber oft sind sie wohlbedacht. In der Essenz bleibt das Bekenntnis zu einem und nur einem Gott, zu seinem Propheten, zu Bescheidenheit und Demut. Jetzt ruft der Imam, er betet, seine Stimme füllt den ganzen Raum. Ich bekomme eine Gänsehaut. “Komm, wir gehen.”

 

Moschee

 

Wir treten hinaus ins Gewimmel von Händlern, schwatzenden Frauen und spielenden Kindern. Im Basar verkaufen sie Tücher, gesponnen aus den Kokons der Seidenraupen, die hier in den Maulbeerbäumen leben. Der Mann zeigt mir den Unterschied zwischen Seide und dem, was Fremden als Seide verkauft wird. Abends kaufe ich mir bei Mango ein hellgrünes Kleid, das fast gleich viel kostet wie in der Schweiz, und höre in der Bar dem Studenten zu, der auf seiner Gitarre Sehnsuchtslieder spielt.

Die Fahrt ins Landesinnere dauert lange. Es wird heisser. Auf den Ebenen wachsen Olivenbäume, in säuberlichen Reihen einer nach dem andern. Ich krümme mich im Bussitz zusammen und versuche zu schlafen. An einer Tankstelle springt mir ein junger Hund entgegen. Günes heisst er, Sonne. Im Bus streiten sich meine neuen Freunde über den Sinn von Gewerkschaften. Schliesslich tauchen  mitten in der Ebene die schneeweissen Mineralienhänge von Pamukkale auf. Auch sie haben ihre Seele an die Touristen verloren.

“Mein Vater”, erzählt der Mann, “wartete einmal fünf Tage lang mit dem Gewehr vor seinem Haus auf Zigeuner.”  Sie sollen ihm die Ernte gestohlen haben, und dafür wollte er sie töten. Die Söhne nahmen ihm die Waffe weg. Die Tochter des Mannes lässt sich in einer grossen Stadt an der Westküste zur Tierärztin ausbilden, sie gibt halbe Monatslöhne aus für zerrissene Jeans. “Unterschiede”, sagt der Mann, “wie Tag und Nacht.”

Auf den kurvigen Strassen des Taurus treffen wir auf Menschen, die aufgeregt über die Strasse rennen. Polizei, Feuerwehr und etwas abseits eine Frau, die in den Abgrund blickt und weint, ihr Kind an der Hand. Ein Auto liegt in der Schlucht. Vier Menschen sind tot. Sie werden später innerhalb weniger Stunden begraben, in Tücher gehüllt, ihr Körper seitwärts gedreht, damit die Augen nach Mekka blicken. Es soll nicht öffentlich getrauert werden an einer Beerdigung, schliesslich wurde der Mensch von Allah zu sich gerufen. Darum bleiben die Frauen, weil sie schneller weinen, manchmal zu Hause.

Ich bin übermüdet, habe die ganzen Nächte nur jeweils fünf Stunden geschlafen. Als sich die Wohnblöcke, Einkaufszentren und Tankstellen von Antalya hinter der Fensterscheibe mehren, bin ich erleichtert. Im Hotel spielen sie viel zu laute Musik, an der Bar betrinken sich ein paar Briten.

 

Antalya

 

Am nächsten Tag legt die Welt eine Vollbremsung ein, und meine Seele schleudert zu einem Halt. Es ist so still in Adrasan, dass ich den Wind in den Bäumen höre, die Frösche im Fluss, die Störche in den Klippen. Ich esse riesige Mengen Auberginen, Ziegenkäse, Oliven, Reis, Fisch und Kartoffeln, verliere gleichzeitig Gewicht, und nach drei Tagen bin ich angekommen. Ich schlafe 22 Stunden durch, unterbrochen nur von einem kurzen Spaziergang in den Klippen, einem Bad im Meer und einer kleinen Mahlzeit mit Sesambrötchen und schwarzem Tee.

Sie lesen mir aus dem Kaffeesatz, die Besitzerin der Pension und ihre Freundin, und der Sohn, der im Erasmus-Jahr Englisch lernte, übersetzt. Die Frauen rauchen und lachen, die Männer schweigen. Sie haben heute die Lampen aus vielen bunten Glasscherben aufgehängt, die die Besitzerin im Istanbuler Basar ausgesucht hat. Ich lese das seltsame Buch von Orhan Pamuk zu Ende, und ob so viel Rätselhaftigkeit, dem Wind und der Stille wird mir ganz schwindlig. Ich erinnere mich daran, dass das Glück im Kleinen liegt, in den immergleichen Ritualen der bescheidenen Tage, und freue mich auf die Heimreise.

 

Adrasan

Olivia Kühni :: Mai.18.2009 :: Notizen :: 240 Comments »

Besuch.

“Das Kind ging vorsichtig den Weg entlang. Das Weiss der winzig scharfen Kieselsteine brannte in den Augen. Aus dem verborgenen Bachbett roch es nach nassen Blättern, nach Holz und ein wenig nach durchsichtigem Wasser. Da merkte das Kind, das jeder seiner Schritte auf dem Boden knirschte, und dass dieses scheue Geräusch ganz wunderbar in die Stille des Waldes passte, und es schöpfte Hoffnung.”

Olivia Kühni :: Mär.09.2009 :: Notizen :: Comments Off

The End of the Tunnel.

“Due to budget cuts, the light at the end of the tunnel is being turned off.” Unknown pub owner.

Olivia Kühni :: Feb.17.2009 :: Notizen :: 2192 Comments »

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