Yucatán.
Bereits wenige Stunden, nachdem ich meinen Fuss auf die Erde Yucatáns gesetzt hatte, befiel mich ein seltsames Gefühl. Es war mir, als ob ich getrunken hätte. Was meine Augen sahen, konnte mein Gehirn nicht richtig fassen, ich wusste nicht ganz, was sich gehörte, war ein wenig albern und vermutlich auch aufreizend. Erst nach vielen Tagen sollte ich herausfinden, warum. Aber dazu später.
Die Stadt
Jeder in dieser Stadt voller Gassen ist ein Kleinunternehmer. Es steht an der Hauptstrasse ein Schuhladen neben dem Café und das Café neben dem Kleidergeschäft, dazwischen eine Apotheke. Mexikaner hängen an ihren Medizinläden, sie kaufen dort bunte Vitaminsäfte und Potenzpillen, Kräuter, Pflaster und Aspirin. Jetzt, zu dieser heissen Stunde, sind die breiten Gehsteige leer. Es stinkt nach Urin. Nicht deutlich, wie in einer Berliner U-Bahnstation, sondern erdig - so, als ob einer Leder gerbte.
In den schattigen Seitengassen kommen mir dicke Mädchen entgegen, auffallend viele junge dunkle Frauen. Sie haben breite Nacken und eine flache Stirn. Sie sind nicht hübsch, aber anziehend mit ihrem Lachen, den engen T-Shirts und den neugierigen Blicken. Kinder laufen vorbei, sie halten sich in Kniesocken und weissen Blusen an den Händen. Unter einem einsamen Baum sitzen sieben Männer und warten schweigend und trinkend auf das Fleisch, das neben ihnen auf dem Grill brät.
Den Dorfplatz säumen Flamboyant-Bäume, Delonix regia, von deren Ästen die holzigen schmalen Früchte hängen wie Instrumente. Tatsächlichen bauen die Kariben aus ihren Samen die Maracas, bunte Rasseln.
Ich verbringe die restlichen heissen Stunden unter weissen Leinentüchern in meinem dunklen Zimmer.
Früh färbt sich der Himmel gelb, und die Nacht bricht so rasch an wie in der Heimat ein Sommergewitter aufzieht. Plötzlich füllt sich die Stille mit Musik und der Dorfplatz mit Menschen. Ein Sänger auf der Bühne lobt laut den Señor. Die Menschen singen und klatschen, als ob es nicht gerade dieser Gott gewesen wäre, der ihnen einst mit Gewalt aufgezwungen wurde.
Vor dem Busbahnhof winkt ein kleines altes Weibchen die Autos rein und raus mithilfe eines roten Tuches und ihres strengen Gesichts. Daneben springen die Taxifahrer auf und bieten mit klebriger Stimme ihre Dienste an. Ich trete in die eiskalte Wartehalle. Gegen den Kauf eines süssen Kaffees erhalte ich den Tipp, welcher Bus ans Meer fährt.
Das Meer
Als die Sonne aufgeht, hält das Meer den Atem an. Für einen verschwindenden Moment ist alles Licht. Dann rollen die Wellen und streuen es an den Strand. Weit draussen in der Karibik regnet es, ein grauer Pinselstrich zieht sich hinunter zur See, darüber in den Wolken hängt ein breites Grinsen. Schliesslich trifft es auch mich, und ich lasse die Tropfen vom Palmblatt über mir auf mein Heft fallen.
Vom Geld
Am Rande des Waldes von Cobá, wenige hundert Meter von den tausendjährigen Pyramiden entfernt, machen zwei junge dicke Indios ein gutes Geschäft. Ein Steg steht dort, der auf einen See hinaus führt, und in diesem See lauern Krokodile. Die beiden Indios besetzen den Steg, und jedem Touristen, der hinaus will, entlocken sie zehn Pesos. Es kommen, in zehn Minuten, sechs Neugierige. Sechzig Pesos, das ist ziemlich genau der durchschnittliche mexikanische Stundenlohn.
Ein landestypisches Geschäftsmodell, das die beiden Halbwüchsigen leben. Jeder dritte Mexikaner ist selbständig erwerbend. Und viele von ihne verkaufen ihre Dienste an Fremde - der Tourismus ist neben der Energiewirtschaft die mit Abstand am stärksten wachsende Branche. 28 Prozent mehr nehmen die Souvenirhändler, die Mariachi, Fremdenführer, Putzfrauen und Tauchlehrer jährlich ein. Also ziehen jene, die Arbeit suchen, an die Küsten der drei Meere oder in den Windschatten der Maya-Bauten: Nach Acapulco und Cancún, nach Chichen Itzá, Playa del Carmen und Tulum.
Der Mann, der mir die Angst vor Haien nimmt, ist das jüngste von neun Kindern. Er wohnt bei seinem Bruder, dem fünften der neun, und bringt mit einem Boot Fremde zum Korallenriff in der Karibischen See. Seine Mutter, die so viele Söhne gebar, lebt nun alleine in einer Hütte. In der Mitte des Landes, viele Kilometer vom Meer entfernt.
Wo der Himmel geboren wird
Die Mangroven sind Krieger. In dem salzigen Brackwasser hinter der Küste lassen sie kleine feste Stäbchen ins Wasser fallen, wie dicke Bleistifte sehen sie aus. Die Stifte sinken zu Boden, richten sich auf, und langsam, in Jahrhunderten, wächst aus einem nach dem andern von ihnen ein dichter, sumpfiger Mangrovenwald.
Die zähen Bäumchen besänftigen die Tropenstürme, die vom Meer her über sie hinweg stürmen. Sie lassen ihre Blätter fallen, die sich im Wasser Schicht für Schicht zu Torf türmen und tausenden winzigen Wesen Nahrung geben. Zwischen ihren Wurzeln schwimmen und laichen die Fische, in den Armen der Lagune jagen Krokodile. Auch Manati hat einst hier gelebt, die weisse Seekuh, die anmutet wie ein Fabelwesen. Reiher fliegen über die Felder hinweg, Ibisse, Geier. Das Korallenriff draussen im Meer lebt von dem, was die Lagune schafft. “Sian Ka’an” nannten die Maya diesen Ort: “Wo der Himmel geboren wird”. Den Anfang des Lebens.
Die Maya
An einem brütend heissen Tag sitze ich auf einer geweisselten Treppe und schaue dem Treiben auf der Strasse zu. Eine alte, dunkle, winzige Frau kommt auf mich zu, an ihren Seiten trägt sie grosse gemusterte Taschen aus stabilem kariertem Kunststoff. Sie trägt eine weisse Robe, an den Rändern bestickt mit Blumen. Einen Huilip, das Kleid der Maya. Sie schiebt sich vor mein Gesicht, unsere Augen sind auf gleicher Höhe, und grinst mich an. Ihre Vorderzähne sind, wie es ältere Maya mögen, mit Gold umrahmt. Die Frau öffnet ihre Tasche, preist kurz Chilischoten, Gebäck und Kerne an, doch ich fühle, dass ihr Interesse woanders liegt. Tatsächlich untersucht sie schliesslich lange die feine silberne Kette, die ich am Fussgelenk trage.”Das ist schön”, sagt sie nur.
Man weiss inzwischen, dass die Augen der Ausländer leuchten, wenn sie das Wort Maya hören. Man weiss es in Yucatán, und deshalb gibt es hier Schokolade, Kalender, Schmuck und Musik nach Art der Maya zu kaufen. Junge Amerikaner können sich für 1000 Dollar in einer Maya-Zeremonie trauen lassen. Man weiss es auch in Hollywood, und deshalb kommt bald ein Film in die Kinos, der unter dem Namen 2012 von dem angeblich von den Mayas prophezeiten Ende der Welt erzählt.
Doch hinter dem Kitsch, zwischen den Souvenirläden, leben sie tatsächlich, die Maya. Sie unterhalten sich leise in ihrer purzelnden Sprache voller Konsonanten. Die Alten trocknen Chilischoten und Kerne für die Fremden, die Jungen studieren Sprache und Kultur der Maya an den Hochschulen. Die Familien erzählen sich ihre alten Geschichten. Und tatsächlich, nicht wenige von ihnen gehen abends leise zu der heiligen Stätte neben der Frischwasserhöhle, dem Cenote, um ihre Gaben darzubringen. Fast fünfhundert Jahre, nachdem die Spanier sie mit dem Schwert zum Kreuz zwangen.
Das Licht
Nach diesen vielen Stunden, mitten am Tage, wusste ich plötzlich, was mich trunken machte. Das Licht war es, diese schwülstige, fiebrige Sonne. Sie blendete mich, sie verwirrte mich, so dass die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie verschwommen wie in einem Gemälde von Kahlo oder in einem Roman von Márquez, wo weinende Tote am Fenster vorbeigehen wie gewöhnliche Krämer. Es konnte einem schwindeln ob all dieser riesigen Blumen, welche die satte Sonne nährte, ihren schweren Düften. Ja, man konnte wohl wahrhaft wahnsinnig werden hier.
Olivia Kühni :: Dez.31.2009 :: Notizen :: 202 Comments »