Ich sass in der Bahn, die mitten in der Strasse Dorf für Dorf das Tal entlang fährt. Die wenigen Menschen im Abteil, mit Rucksäcken zugestiegen beim Campingplatz am See, sagten in runder Sprache nichts und immer wieder “Jaja” und “Soso”. Es waren alte Menschen. Eine von ihnen hatte ein Gesicht, das zweckmässig war, scharfe Augen, schmale Lippen. In den zwanzig Minuten, bis die Bahn in der Kleinstadt hielt, urteilte sie hart über die Welt.

“Da bauen sie schon wieder. Ist einfach verrückt. Alles, was noch ein bisschen grün ist wird zugebaut. Dabei gäbe es so viele schöne alte Häuser hier! Aber die will ja keiner. Gibt halt mehr zu tun, so ein altes Haus herzurichten, als sich ein neues zu bauen. Das will ja keiner mehr machen heute.”

“Jetzt stehen sie sicher wieder im Stau beim Gotthard unten. Bei dem Wetter. Sind ja aber auch selber schuld, was müssen die mit dem Auto da runter. Kann man doch wunderbar mit der Bahn gehen! Müssen sie halt nicht immer so viel packen. Muss halt Jedes seine Sachen selber tragen. Ich habe das immer so gemacht mit meinen: Jedes packt so viel, wie es tragen kann, mehr gibts nicht. He ja, so lernen sies.”

“Das ist wie mit dem Wandern. Ich hatte früher immer eine Flasche Most dabei und vier Gläser, fertig Schluss, mehr gabs nicht. So war das. Heute muss ja Jedes seine eigene Flasche mit rumschleppen, einen ganzen Liter am Besten.  In der Schule können sie ja am Wasserhahn trinken. Es muss doch nicht immer gesürpfelt sein, darum gehts doch.”

“Jetzt kommt der Kondukteur. Ich habe noch nie erlebt, das sie einen erwischt haben hier. Aber bei uns im Bus, da schon ab und zu. Die Jungen, die sind das ja meistens. Aber ein Alter, den haben sie auch immer erwischt, der hat halt immer das Abo vergessen. Musste aber immer die Busse bezahlen dann. Das muss ja auch nicht sein.”

“Schau, da unten, die Vollzugsanstalt. Die hintere Konserve, he ja, so heisst das. Da werden die bewirtet, bekommen zu Essen, fernsehen und alles. Die Rumänen, die werden bewirtet. Ich würde das halt auch nicht machen, ich würde die alle rauswerfen, sofort. Das geht doch nicht, dass die hierher kommen, und dann werden sie da drin bewirtet. Und wir bezahlen das. Das geht doch nicht.”

Ich stieg aus. Die sattgrünen, weiten Hügel, die spätsommerliche Sonne, das Glitzern über dem See, alles war ein wenig enger geworden. Ich sah graubraune Mehrfamilienhäuser vor meinem inneren Auge, Teppich, Geranien, Holztische, den Fernseher mit der Tagesschau, Rasen mit Mäuerchen drumherum, korrekte Grüsse, zuvorkommend, Mütter mit drei Kindern beim Einkaufen, mitten am Tag, zweckmässige Kleider, praktische Kurzhaarfrisuren, Sandalen, kleine Hunde, braune Gartenhäge, Asphaltplätze mit Welldachgebäuden, darauf Schriftzüge von Gewerblern, Garagen, Strasse, Wiese, Acker, Zebrastreifen, alte Männer neben alten Frauen, wieder korrekte Grüsse, wieder Mehrfamilienhäuser mit orangen Sonnenstoren.

Mir wurde schlecht. Und ich träumte davon, alle diese Häuschen, diese Quartiere abzureissen und grosse, klare weite Räume zu schaffen, die ganze Schweiz in einem diktatorischen Projekt zu befreien. Häuser mit riesigen Fensterfronten zu bauen, die auf Alleen mit Bäumen oder auf Pärke blickten, Cafés und allerlei Läden dazwischen, und diese Lebensräume allesamt in Kreisen um eine der grossen Städte gereiht. Und zwischen den runden Stadtgebilden wäre nichts als Luft, Licht, Raum für die Seen, Wälder und Hügel.