“Das ist Politik, weisst du”, sagt der Mann leise in mein Ohr. “Diplomatie, ich erkläre es dir später.” Das Wahre, die Sorgen, die Ängste - sie gehören überall auf der Welt nicht auf die Strasse. Nicht ins Büro und nicht in die Bar, vor allem dann, wenn man den Barnachbarn kennt.

Manche Menschen an manchen Orten schweigen darum lange Zeit höflich über den Kern der Dinge. Andere hüllen sich nicht in Stille, sondern in viele bunte Worte, in Geplauder, Schmeicheleien, die wie Vorhänge die Sicht auf das Wesentliche verbergen. Es ist ein diskretes Spiel, ein Tanz. Es ist unhöflich, nicht mitzuspielen, und es ist plump, den Tüchertanz mit ernsten Worten zu verwechseln. Dumm ist es, hinter den schillernden Worten grundsätzlich fehlende Tiefe zu vermuten. Überall auf der Welt ist es dasselbe: Manche Wasser sind klar und tief, andere bloss Sumpf. Das habe ich verstanden. Manches andere noch nicht.

 

Strasse

 

Ich sitze im Bus, an den Fenstern vorbei ziehen die grellen Hotels von Antalya, und vor mir liegen 2300 Kilometer quer durch die Westtürkei. Ich schäme mich ein bisschen, für mich und für die anderen. Viele haben einfach Haare statt einer Frisur, manche zweifarbige, und einer trägt tatsächlich Jeansshorts mit Birkenstock-Sandalen. Ich bin die einzige Nicht-Deutsche im Bus, abgesehen von zwei Österreicherinnen, und die meisten haben ihre Reise bei Neckermann gebucht. Ich blicke aus dem Fenster, vor dem jetzt weit draussen winzige Figuren mit Kopftüchern Tabakpflanzen zupfen, und entscheide mich, diese Tage als einzigartige Feldstudie in fremden Gefilden zu betrachten. Eine solche Studie tut jedem gut, der schreiben will, und ich freue mich. Der Reiseleiter hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert, spricht sorgfältiges Deutsch und hat nachdenkliche Augen. Die erste Stunde erzählt er nur Dinge über sein Land, die ich noch nie gehört habe. Ich staune und vermute, dass auch er ein grosser Freund von Feldstudien ist.

Wenige Minuten später erreicht uns die Nachricht, dass im Osten des Landes sechs Männer an einer Hochzeit fast 50 Menschen umgebracht haben, darunter drei schwangere Frauen. Die Menschen in den Cafés und an den Tankstellen sprechen darüber und rätseln. War es die PKK? Oder war es eine Blutrache? “Nimm die Karte meines Landes und ziehe mitten durch eine Grenzlinie”, wird viele Tage später jemand zu mir sagen.

“Wie die fünf Finger einer Hand, so hat Allah alle Menschen verschieden geschaffen”, sagt der Mann. Manche Menschen sind fromm, manche leichtsinnig. Die einen lieben nur einmal, andere ganz oft. Türkischen Frauen, seit sie klein sind, wird beigebracht, sich auf ihre Reize zu verlassen. Mit Männern zu schlafen, um eine Arbeit zu finden, mit ihrem Mann zu schlafen, um Goldringe zu bekommen. Sind sie wirklich so, die Frauen? “Nicht alle. Aber manche gehen ganz nackt unter ihrem Schleier, der nur die Augen freilässt.”

 

Mohn

 

Wir haben Ephesos, Pergamon und Troia besucht, von denen ich bisher angenommen hatte, dass sie in Griechenland liegen. Zuoberst auf Hügeln stehen die Ruinen, und zwischen den verwitterten Steinen wachsen feuerrote Mohnpflanzen. Ich fotografiere die Agora von Ephesos, auf der vor 3000 Jahren meine Helden standen, die Händler, und den Reisenden in dieser wichtigsten Stadt Kleinasiens ihre Waren anboten. In die überwachsenen Bodenplatten ist ein Stein eingelassen. Darauf eingeritzt ein Herz, ein Frauengesicht und ein Fuss, der die Richtung weist. Auch die antiken Händler fühlten sich manchmal einsam.

Im Bus sitze ich bei meinen neuen Freunden aus Berlin und bei einem Buchrestaurator aus Frankfurt. Sie unterhalten sich über die DDR, Karl Marx und die Wirtschaftsgeschichte Deutschlands. Ich schweige und nehme mir wieder einmal vor, ein paar Bücher mehr zu lesen.

An einer Tankstelle auf dem Weg nach Canakkale stehen wir in der Sonne und rauchen. Ich trage enge Hosen und darüber ein gemustertes Kleid. Der Reiseleiter lacht und sagt, ich sähe aus wie eine Türkin in den 1970-ern. Ist es angemessen? frage ich. “Viel zu altmodisch”, sagt er. Ich schlinge mir noch den Schal um die Haare. Der Busfahrer ruft mir zwei Worte zu und kichert wie wild. “Er sagt ab aufs Baumwollfeld”, übersetzt der Reiseleiter. Auch er lacht laut.

Auf dem Boot von Asien nach Europa stehe ich mit dem Mann im Wind und schaue hinaus aufs Wasser, in dem die Quallen und die Delphine schwimmen. Ein Alter stellt sich daneben und lacht uns zahnlos an. Reist sie mit dir? fragt er den Mann. Woher kommt sie? Wohin fährt ihr? Dann führt er die Hand zum Herz, als er den Namen seines Heimatdorfes nennt, und verbeugt sich. Erst als er das Gesicht gegen die Sonne dreht, sehe ich, dass seine Augen blind sind.

 

Boot

 

In Istanbul sind Schulklassen unterwegs, 30, 40 quirlige dunkle Menschlein, die verträumt in die Baumwipfel schauen und sich den Kaugummi um die Finger wickeln. Hello, hello, üben sie, strecken mir ihre Hände entgegen und hüpfen alle gleichzeitig auf und ab. In der Hagia Sophia absorbieren die dicklichen, kurzhosigen, rotgesichtigen Besucher allen Glanz und lassen die hohen Kuppeln stumpf erscheinen.

Im Ausgehviertel Taksim sind die Männer schön und grossgewachsen, die Frauen schlank und stark geschminkt. Im Basar begegne ich Gestalten, ganz in schwarz gehüllt, nur die grauen Steppenaugen blicken mir kühl und stolz ins Gesicht. “Fundamentalisten”, knurrt der Reiseleiter, wenn er einen jener bärtigen Männer sieht, denen diese Frauen gehören.

Die Landschaft weitet sich wieder staubig nach Istanbul. Draussen sind an den blassen Steinwänden noch die Risse jenes Erdbebens zu sehen, das vor zehn Jahren 35′000 Menschen das Leben kostete. Jetzt sind die Häuser verlassen. Geisterstädte.

“Komm, wir gehen”, sagt der Mann und berührt mich sanft an der Schulter. Der Boden der Moschee ist mit Teppichen belegt, jeder gerade so gross, dass ein bescheiden knieender Mann darauf Platz findet. Ein Alter neigt sich vor zwei Säulen, die Handflächen zum Himmel gedreht. Es gibt keinen Vermittler zwischen ihm und Allah. Er kniet alleine, er ruft alleine, und wenn er stirbt, steht er einsam vor dem Erzengel Gabriel und muss Rechenschaft ablegen über sein Leben. Er findet Hilfe in den Gottesbüchern. Es ist haram, Sünde, ungewaschen vor Allah zu treten, unrein mit einer Frau zu schlafen, mit Schulden zu sterben, ohne Not Schweinefleisch zu essen. Doch Allah ist gross, verzeiht barmherzig - keinem Menschen steht es zu, über Gut und Böse zu befinden. Wie eine Staatsverfassung seien die Regeln des Koran, sagt der Mann. Vor Jahrhunderten gewachsen, um Gemeinschaft zu leben. Sie sind nicht wörtlich zu nehmen, aber oft sind sie wohlbedacht. In der Essenz bleibt das Bekenntnis zu einem und nur einem Gott, zu seinem Propheten, zu Bescheidenheit und Demut. Jetzt ruft der Imam, er betet, seine Stimme füllt den ganzen Raum. Ich bekomme eine Gänsehaut. “Komm, wir gehen.”

 

Moschee

 

Wir treten hinaus ins Gewimmel von Händlern, schwatzenden Frauen und spielenden Kindern. Im Basar verkaufen sie Tücher, gesponnen aus den Kokons der Seidenraupen, die hier in den Maulbeerbäumen leben. Der Mann zeigt mir den Unterschied zwischen Seide und dem, was Fremden als Seide verkauft wird. Abends kaufe ich mir bei Mango ein hellgrünes Kleid, das fast gleich viel kostet wie in der Schweiz, und höre in der Bar dem Studenten zu, der auf seiner Gitarre Sehnsuchtslieder spielt.

Die Fahrt ins Landesinnere dauert lange. Es wird heisser. Auf den Ebenen wachsen Olivenbäume, in säuberlichen Reihen einer nach dem andern. Ich krümme mich im Bussitz zusammen und versuche zu schlafen. An einer Tankstelle springt mir ein junger Hund entgegen. Günes heisst er, Sonne. Im Bus streiten sich meine neuen Freunde über den Sinn von Gewerkschaften. Schliesslich tauchen  mitten in der Ebene die schneeweissen Mineralienhänge von Pamukkale auf. Auch sie haben ihre Seele an die Touristen verloren.

“Mein Vater”, erzählt der Mann, “wartete einmal fünf Tage lang mit dem Gewehr vor seinem Haus auf Zigeuner.”  Sie sollen ihm die Ernte gestohlen haben, und dafür wollte er sie töten. Die Söhne nahmen ihm die Waffe weg. Die Tochter des Mannes lässt sich in einer grossen Stadt an der Westküste zur Tierärztin ausbilden, sie gibt halbe Monatslöhne aus für zerrissene Jeans. “Unterschiede”, sagt der Mann, “wie Tag und Nacht.”

Auf den kurvigen Strassen des Taurus treffen wir auf Menschen, die aufgeregt über die Strasse rennen. Polizei, Feuerwehr und etwas abseits eine Frau, die in den Abgrund blickt und weint, ihr Kind an der Hand. Ein Auto liegt in der Schlucht. Vier Menschen sind tot. Sie werden später innerhalb weniger Stunden begraben, in Tücher gehüllt, ihr Körper seitwärts gedreht, damit die Augen nach Mekka blicken. Es soll nicht öffentlich getrauert werden an einer Beerdigung, schliesslich wurde der Mensch von Allah zu sich gerufen. Darum bleiben die Frauen, weil sie schneller weinen, manchmal zu Hause.

Ich bin übermüdet, habe die ganzen Nächte nur jeweils fünf Stunden geschlafen. Als sich die Wohnblöcke, Einkaufszentren und Tankstellen von Antalya hinter der Fensterscheibe mehren, bin ich erleichtert. Im Hotel spielen sie viel zu laute Musik, an der Bar betrinken sich ein paar Briten.

 

Antalya

 

Am nächsten Tag legt die Welt eine Vollbremsung ein, und meine Seele schleudert zu einem Halt. Es ist so still in Adrasan, dass ich den Wind in den Bäumen höre, die Frösche im Fluss, die Störche in den Klippen. Ich esse riesige Mengen Auberginen, Ziegenkäse, Oliven, Reis, Fisch und Kartoffeln, verliere gleichzeitig Gewicht, und nach drei Tagen bin ich angekommen. Ich schlafe 22 Stunden durch, unterbrochen nur von einem kurzen Spaziergang in den Klippen, einem Bad im Meer und einer kleinen Mahlzeit mit Sesambrötchen und schwarzem Tee.

Sie lesen mir aus dem Kaffeesatz, die Besitzerin der Pension und ihre Freundin, und der Sohn, der im Erasmus-Jahr Englisch lernte, übersetzt. Die Frauen rauchen und lachen, die Männer schweigen. Sie haben heute die Lampen aus vielen bunten Glasscherben aufgehängt, die die Besitzerin im Istanbuler Basar ausgesucht hat. Ich lese das seltsame Buch von Orhan Pamuk zu Ende, und ob so viel Rätselhaftigkeit, dem Wind und der Stille wird mir ganz schwindlig. Ich erinnere mich daran, dass das Glück im Kleinen liegt, in den immergleichen Ritualen der bescheidenen Tage, und freue mich auf die Heimreise.

 

Adrasan