Fahrrad lebt.
An meinem letzten freien Samstag fuhr ich mit dem Velo über die Feldwege an der Ostseeküste. Ich fuhr durch Mecklenburg-Vorpommern, und so kam ich an einer DDR-Ruine vorbei, eiskalte, ausgebleichte Steingebäude vor dem weiten Himmel, Glas, Rost, Kabel.
Seltsam, dachte ich. Diese Liebe des Sozialismus zur Maschinerie.
Dann fuhr ich weiter. Das fiel mir wirklich schwer. Die Gangschaltung klemmte, die Reifen holperten und die Kette rasselte. Deshalb hielt ich an, als ich an einem Holzschuppen vorbeikam, vor dem Fahrräder standen. Der Schuppen gehörte zu einem Bauernhof, an seiner Seite standen Kaninchenboxen, und der Bauernhof gehörte zu einem Mann mit Bart und Filzhut, der jetzt auf mich zukam.
“Ihr Fahrrad”, sagte der Mann, als er es im Schuppen auf den Rücken legte, “tut mir wirklich Leid.” Mit einer solchen Besitzerin. Das tue ihm weh, ein so ungepflegtes, sorglos behandeltes Rad. Er löste die Schaltung, ölte die Kette, zupfte und zwackte und brummte, rieb sich die Hände und gab mir das Rad zurück. “Sie haben ja Recht”, sagte ich, “aber ein Fahrrad lebt doch nicht”. Dazu sagte der Mann nichts. Er zog nur die Augenbrauen hoch, über den hellgrauen Augen.
Dann fuhr ich weiter, bis an die Spitze der Halbinsel. Das Fahren war so wunderbar leicht, Sonnenflecken flatterten über den Feldweg, und ich fühlte mich wie ein Kind mit Rock und Wasserglacé im Sommer.
Olivia Kühni :: Apr.24.2008 :: Notizen :: 856 Comments »